Cerebrolysin

Phase 3

Auch bekannt als: FPF-1070, Cerebrolysat, CBL

Cerebrolysin ist ein porcines Hirnpeptidlysat, das durch kontrollierte enzymatische Proteolyse von Schweine-Hirngewebe gewonnen wird. Es besteht zu ca. 75% aus freien Aminosäuren und zu 25% aus niedermolekularen biologisch aktiven Peptiden (unter 10 kDa), die die Wirkung endogener Neurotrophine wie BDNF, GDNF und NGF imitieren. Die Peptide passieren die Blut-Hirn-Schranke und entfalten neurotrophe, neuroprotektive und neuroplastische Wirkungen. Die klinische Evidenz umfasst die CASTA-Studie bei Schlaganfall (n=1.070), die CAPTAIN-Meta-Analyse bei TBI und Cochrane-Reviews bei vaskulärer Demenz. Die Evidenzqualität ist gemischt: Cochrane bewertet die Datenlage als niedrig bis sehr niedrig.

Cerebrolysin – Wissenschaftliche Illustration

KATEGORIE

Kognition & Neuropeptide

HALBWERTSZEIT

Nicht einzeln bestimmbar (komplexes Peptidgemisch); die enthaltenen neurotrophen Faktoren haben kurze Halbwertszeiten (z.B. BDNF ca. 10 Minuten)

VERABREICHUNG

Intravenös / Intramuskulär

EVIDENZ

Mittel

ANWENDUNGSDAUER

10-21 Tage pro Zyklus, 2-3 Zyklen pro Jahr

Nur Tier- und Laborstudien. Keine kontrollierten Humanstudien abgeschlossen.
Erste Sicherheitsstudien am Menschen. Kleine Gruppen (20-80 Probanden).
Wirksamkeits- und Dosisfindungsstudien. Mittlere Gruppen (100-300 Probanden).
Groß angelegte Wirksamkeitsstudien. Tausende Probanden, Vergleich mit Placebo.
Von der FDA als sicher und wirksam eingestuft. Verschreibungspflichtiges Medikament.

Aktueller Status: Phase 3

In über 40 Ländern zugelassen (Europa, Asien, Lateinamerika) für Schlaganfall, traumatische Hirnverletzung und Demenz. Nicht in den USA zugelassen (keine FDA-Zulassung). Hergestellt von EVER Pharma (Österreich). Mehrere Phase-3-Studien und Cochrane-Reviews durchgeführt.

Beliebt für

KognitionNeuroprotection

Wirkmechanismus

Cerebrolysin ist kein einzelnes definiertes Peptid, sondern ein komplexes Peptidgemisch mit multimodaler Wirkung auf das ZNS. Die enthaltenen niedermolekularen Peptide (unter 10 kDa) imitieren die Wirkung endogener Neurotrophine und passieren aufgrund ihrer geringen Größe die Blut-Hirn-Schranke. Die neurotrophe Wirkung umfasst mehrere Ebenen: Cerebrolysin stimuliert die Expression und Freisetzung endogener neurotropher Faktoren (BDNF, VEGF, IGF-1, NGF) und fördert die Neurogenese in der subgranulären Zone des Hippocampus und der subventrikulären Zone. Gleichzeitig fördert es die Synaptogenese und erhöht die synaptische Plastizität. Die neuroprotektive Wirkung basiert auf der Hemmung von Calpain (stabilisiert zelluläre Strukturproteine), der Inhibition der Caspase-abhängigen Apoptose und dem Schutz gegen exzitotoxische Glutamat-Schädigung. In Demenz-Modellen reduziert Cerebrolysin die Beta-Amyloid-Ablagerung und die Tau-Phosphorylierung durch Regulation der GSK-3-beta- und CDK5-Aktivität. Präklinische Studien zeigen, dass die neurorestorativen Effekte von Cerebrolysin nach Schlaganfall über den Sonic-Hedgehog-Signalweg (Shh) vermittelt werden: Die Blockade dieses Weges mit Cyclopamin hebt die Cerebrolysin-induzierten Verbesserungen in Neurogenese und Remodellierung der weißen Substanz vollständig auf.

Dosierung

Akuter Schlaganfall (klinisch)

Dosis

30-50 mL IV

Frequenz

1x täglich

Verabreichung

Intravenöse Infusion (15-60 min)

Zyklus: 10-21 Tage

Start idealerweise innerhalb von 12-24 Stunden nach Symptombeginn. Nur unter ärztlicher Aufsicht in klinischem Setting.

Kognitive Verbesserung / Demenz

Dosis

10-30 mL IV

Frequenz

1x täglich

Verabreichung

Intravenöse Infusion

Zyklus: 10-20 Tage, 2-3 Zyklen pro Jahr

Niedrigere Dosierung als bei Schlaganfall. Bis 5 mL auch intramuskulär möglich, darüber IV obligat.

Timing & Einnahme

Beste Einnahmezeit

Morgens

Mahlzeiten

Unabhängig von Mahlzeiten

Warum dieses Timing?

In der klinischen Praxis wird Cerebrolysin morgens verabreicht, um eine optimale ZNS-Verfügbarkeit während des aktiven Tageszyklus zu gewährleisten.

Mögliche Nebenwirkungen

Nicht jeder erlebt diese Effekte. Individuelle Reaktionen variieren.

Schwindelgelegentlich
Kopfschmerzengelegentlich
Schwitzenselten
Übelkeitselten
Allergische Reaktionenselten
Agitation, Schlaflosigkeitselten

Studienlage (7 Studien)

CASTA (Heiss 2012): Phase-3/4-Studie bei akutem ischämischem Schlaganfall (n=1.070). Primärer Endpunkt neutral, aber Post-hoc: Trend zugunsten Cerebrolysin bei schwer Betroffenen (NIHSS >12), Mortalität halbiert (10,5% vs. 20,2%). CAPTAIN (Vester 2021): Prospektive Meta-Analyse der TBI-Studien (n=185), signifikanter Effekt zugunsten Cerebrolysin an Tag 30 und 90. Guekht 2010: RCT bei vaskulärer Demenz (n=242), signifikante Verbesserung in ADAS-cog+ und CIBIC+. Cochrane-Review (Cui 2019): 6 RCTs bei VD (n=597), Verbesserung der Kognition, aber sehr niedrige Evidenzqualität.

Cerebrolysin in patients with acute ischemic stroke in Asia: results of a double-blind, placebo-controlled randomized trial (CASTA)

Heiss WD et al. · Stroke · 2012

Phase-3/4-Studie (n=1.070). Cerebrolysin 30 mL IV für 10 Tage innerhalb von 12 Stunden nach Schlaganfall. Primärer Endpunkt (kombinierter Globaltest) neutral. Post-hoc bei schwer Betroffenen (NIHSS >12): Trend zur Verbesserung, Mortalität 10,5% vs. 20,2% Placebo.

Cerebrolysin in vascular dementia: improvement of clinical outcome in a randomized, double-blind, placebo-controlled multicenter trial

Guekht AB et al. · Journal of Stroke and Cerebrovascular Diseases · 2011

RCT bei vaskulärer Demenz (n=242). Cerebrolysin 20 mL IV, 2 Zyklen. ADAS-cog+ Verbesserung 10,6 vs. 4,4 Punkte (p<0,0001). Kombinierte Ansprechrate (ADAS-cog+ und CIBIC+) 67,5% vs. 27,0%. Effekt über 24 Wochen stabil.

Cerebrolysin for vascular dementia (Cochrane Review)

Cui S et al. · Cochrane Database of Systematic Reviews · 2019

Cochrane-Review über 6 RCTs (n=597) bei vaskulärer Demenz. Cerebrolysin verbesserte Kognition (SMD 0,36, 95% CI 0,13-0,58) und globale Funktion (RR 2,69 für Responder). Evidenzqualität sehr niedrig. Hohes Verzerrungsrisiko und Heterogenität. Kein Effekt auf Mortalität oder Lebensqualität beurteilbar.

Cerebrolysin after moderate to severe traumatic brain injury: prospective meta-analysis of the CAPTAIN trial series

Vester JC et al. · Neurological Sciences · 2021

Prospektive Meta-Analyse der CAPTAIN-TBI-Studien (n=185, GCS 6-12). Cerebrolysin 50 mL IV (10 Tage) + 2 weitere Zyklen 10 mL. Signifikanter Effekt an Tag 30 (SMD 0,31, p=0,016) und Tag 90 (SMD 0,34, p=0,015). Vergleichbares Sicherheitsprofil.

Speech Therapy Combined With Cerebrolysin in Enhancing Nonfluent Aphasia Recovery After Acute Ischemic Stroke: ESCAS Randomized Pilot Study

Homberg V et al. · Stroke · 2025

RCT (n=123). Cerebrolysin + Logopädie vs. Placebo + Logopädie bei Aphasie nach Schlaganfall. WAB-Verbesserung 35,6 vs. 20,8 Punkte (Differenz 14,8, p<0,001). Signifikante Verbesserung auch im NIHSS. Sicherheitsprofil unauffällig.

The pharmacology of neurotrophic treatment with Cerebrolysin: brain protection and repair to counteract pathologies of acute and chronic neurological disorders

Masliah E, Diez-Tejedor E. · Drugs of Today · 2012

Umfassende Übersicht der präklinischen Pharmakologie. Cerebrolysin reduziert Beta-Amyloid und Tau-Phosphorylierung (Demenz-Modelle), hemmt Calpain und Apoptose (Schlaganfall-Modelle), fördert Neurogenese im Hippocampus und in der SVZ. Shh-Signalweg als Mediator der neurorestorativen Effekte identifiziert.

Cerebrolysin and repetitive transcranial magnetic stimulation (rTMS) in patients with traumatic brain injury: a three-arm randomized trial

Verisezan Rosu O et al. · Frontiers in Neuroscience · 2023

Dreiarmiger RCT (n=93) bei TBI: Cerebrolysin+rTMS vs. Cerebrolysin+Sham vs. Placebo+Sham. Keine statistische Signifikanz im primären Endpunkt, aber deskriptiver Trend zu besseren kognitiven Outcomes unter Cerebrolysin. Sicherheitsprofil akzeptabel.

Detailwissen

Häufige Fragen

Quellenverzeichnis

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